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«Ich bin jemand aus dem Quartier, niemand anders»

LUL DxE war der erste Mundart-Rapper mit albanischen Wurzeln, der es in die Schweizer Charts schaffte.
Seine Videos liefen regelmässig im TV. LUL DxE ist erwachsen geworden; er ist Papi, Ehemann und «Businessman». Sein Rap inspiriert Berns Jugendliche bis heute.

 

Veton, Luli & Shpend
LUL Dxe 2003

Links: Interview mit Luli (Mitte), geführt von Veton (l.) und Shpend (r.) und der offenen Jugendarbeit toj Bern West (März 2017). Rechts: LUL Dxe auf Besuch in einem Jugendtreff 2003.

Bern, März 2017
*Interview von Veton & Shpend


Shpend: Wie hast du angefangen zu rappen und wie bist du auf den Rap gekommen?

LUL Dxe: Das ist sehr einfach erklärt. Wenn du in Bern West aufwächst, kommst du schnell in Berührung mit Hip-Hop und Rap. Wir waren schon inspiriert gewesen von Michael Jackson und Bobby Brown, der richtige Rap aber kam erst mit N.W.A, Run DMC und Public Enemy. Das waren die ersten Tracks, die ich erlebt habe. Als kleiner Junge mit 12, 13 Jahren hast du zu den älteren Jungs hinaufgeschaut und gesehen wie sie rappen. Und du wolltest das genau gleichmachen wie sie. Am Anfang waren wir sechs bis sieben Kollegen, die gemeinsam gerappt haben. Und wir merkten schnell, dass wir nicht schlecht waren. Dann wurde es immer professioneller. Einige haben alleine weitergemacht, später waren wir zu dritt und schlussendlich war ich der einzige. Und ich habe es dann durchgezogen.

S: Hast du es deinen Eltern gesagt, als du angefangen hast zu rappen? Wie haben sie reagiert?

L: Ja, auf jeden Fall. Ihr seid selber Shipis* (alle lachen). Ihr wisst: wichtig sind Schule, Lehre und Arbeit. Alles andere bleibt möglichst reduziert. Aber meine Eltern fanden es cool, sie hatten nie etwas dagegen. Ich sage es mal so, sie haben das unter diesem Aspekt gesehen: Lieber bist du im Studio mit Texteschreiben und Aufnahmen beschäftigt statt draussen auf der Strasse rumzuhängen. Sie haben mich unterstützt. In unserem Kulturkreis ist das nicht selbstverständlich.

*Shipi ist eine Abkürzung für das albanische Wort Shqiptar, was auf Deutsch so viel wie Albaner bedeutet.

S: Im Lied «Albophobie» hat du erwähnt, dass du die Lehre als Sanitärmonteur gemacht hast. Wie bist du genau auf diesen Beruf gekommen?

L: Was wollte ich, Bro? Ich bekam nichts Besseres. Nein, es ist so. Ich war ein guter Sekschüler und habe später die Handelsmittelschule gemacht. Ohne Prüfung durfte ich La Neuville machen ein Jahr lang. Dort habe ich es verkackt, obwohl ich gut war in Französisch. Alle Fächer wie Buchhaltung waren auf Französisch, vielleicht deshalb ... Ich musste jedenfalls etwas Anderes machen und habe Bewerbungen verschickt. Ich suchte im kaufmännischen Bereich, Informatik habe ich angeschaut und ich war in diesem Bereich auch talentiert, fand aber trotzdem nichts. Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, dass es vielleicht am Namen liege, die Noten in der Schule waren ja gut. Ich war ein guter Schüler ... Später habe ich mich für das Erstbeste entschieden und habe die Lehre als Sanitärmonteur gemacht. Auf diesem Beruf habe ich sechs oder sieben Jahre lang weitergearbeitet und ein bisschen Geld verdient. Ich konnte schnell den Anschluss finden, und heute bin ich selbständiger Stellenvermittler. Ich glaube heutzutage ist es wichtig, dass du einen Abschluss hast. Dann kannst du darauf aufbauen.

S: Als du dein erstes Lied veröffentlicht hast, wie hast du dich gefühlt?

L: Sehr speziell. Generell, wenn du deine ersten professionellen Aufnahmen machst und dich selber hörst, denkst du «Shit, sehr komisch». Meine Stimme zu hören war ein komisches Gefühl. Ich weiss nicht, rappt ihr auch?

Veton: Ich rappe ab und zu.

LUL DxE: Schon? Hast du auch mal aufgenommen und deine Stimme gehört?

V: Ja, mit Azad vom toj.

L: Voilà. Mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Als das Video veröffentlicht wurde von «Baby Love Yaa» mit Oran-G, gab mir das damals einen Kick. Das Lied kam in die Schweizer Hitparade. Du schaust Fernseh und auf VIVA wird dein Video auf- und abgespielt. Ja, das war sehr speziell, aber an das gewöhnst du dich.

S: Wer war dein Rap-Vorbild?

L: Das ist schwierig zu sagen. Savas [Kool Savas] ist sicher ein Top-Rapper. In der Deutschrap-Szene ist er die Nummer 1. Die neuen Rapper, die von eurer Generation jetzt, keine Ahnung. Es gibt ja diese Gang, 178 ...

S und V: 187 Strassenbande.

L: Ja genau. All diese Künstler, ihr Zeugs ist schon cool, aber es ist nicht so ... Eben, Azad [Rapper] aus der deutschen Rap-Szene habe ich lange verfolgt. Kool Savas habe ich lange gefeiert. Ansonsten war ich eher auf den US-Rap fixiert. Vor allem auf den West Coast Rap. Die ganze Westküste ... Dieser Stil von Rap hat mir am meisten zugesagt. Keine Ahnung, zu Trap-Sound konnte ich mich nie richtig bewegen. Es musste ein West Coast Track sein, schön mit der Geige und so. Das alles hat bei mir innerlich etwas ausgelöst, wisst ihr?

V: Du hast erwähnt, dass du mehrheitlich auf West Coast Rap fixiert bist. Wer ist für dich der bessere Rapper: Tupac oder Biggie? (alle lachen)

L: Das kannst du nicht fragen. Das kannst du jetzt wirklich nicht fragen. Frage das nie! (alle lachen) Ja ... Das ist schwierig. Du sprichst hier von zwei Prinzen, von zwei Königen. Ja, Tupac würde trotzdem das Rennen machen, aber wirklich minim. Vielleicht um ein bis zwei Prozent. Biggie war genau gleich stark. Das ist wirklich schwierig.

S: Du bist schon länger am Rappen. Im Berner Westen gibt es neuere Rapper wie Lul-G, G-Shit und Gimmi Denim. Wie findest du ihre Musik?

L: Alle drei haben ihren eigenen Stil und ich habe mir von allen Tracks angehört. Ich kenne sie zum Teil. Gimmi kenne ich, G-Shit gerade nicht persönlich und Lul-G kenne ich auch gut. Sie machen es gut. Es ist eine schwierige Frage. Die Frage ist, ob du es als Hobby machst, damit du beschäftigt bist in der Freizeit oder ob du Erfolg haben und weiterkommen willst. Und je nach dem stellt sich dann auch die Frage, was du falsch oder richtig machst. Es ist schwierig den Sprung zu machen, und nicht mehr nur in Bern oder Bern West bekannt zu sein, sondern national zum Begriff zu werden in der Rapszene. Die drei sind cool. G-Shit macht cooles Zeugs. Gimmi macht ja nicht so viel, hat zwei, drei Tracks aufgenommen. Lul-G ist sehr aktiv. Alle drei haben verschiedene Stile.

V: Was war dein erstes Instrument, als du angefangen hast zu rappen? Von wo hattest du dein erstes Mic, MPC und Computer?

L: Hier unten [im UG des Quartierzentrum Tscharni] da waren wir früher. Wir hatten dort unten ein Studio, ein provisorisches Studio, welches sehr billig eingerichtet war. Wir hatten zwei MKs und Mischpulte für die DJs. Wir hatten die Aufnahmekabine selber gebaut, aber technisch war niemand von uns raffiniert. Wir hatten es nie geschafft qualitativ sauber aufzunehmen. Die Mics waren von irgendeiner Jugendbewegung gesponsert worden. Ich weiss es gar nicht mehr, so lange ist es her. Auf jeden Fall habe ich dann den Berner Jugendpreis gewonnen, den Preis der Burgergemeinde Bern. 15'000 Franken wurden mir verliehen. Somit hatten wir ein bisschen mehr Budget und konnten anständiges Zeugs kaufen. Ich habe mir einen MPC4000 gekauft, damit ich selber Beats basteln konnte. Dann haben wir bessere Mikrofone gekauft, keine Ahnung mehr welche. Schliesslich konnten wir einigermassen bessere Aufnahmen machen. Von der Qualität her war es aber immer noch nicht gut genug. Für das erste Album habe ich alle Beats selber gemacht und eingespielt. Wenn du sie hörst, dann sind sie gut, also nicht Low-Budget. Ich habe immer noch Freude, sie zu hören.

S: Wir auch (alle lachen)

L: Super, das freut mich. Danke.

V: Kommt bald ein zweiter Teil von «Rap ghört mir»?

L: Das ist noch schwierig zu sagen. 2015 habe ich eine EP veröffentlicht, das war das letzte was ich gemacht habe. Es packte mich wieder, Sound zu machen, war motiviert etwas mit dem heutigen Wissen zu machen, mit den heutigen Kontakten und allem Drum und Dran. «Rap ghört mir» Teil II, wie soll ich sagen ... Ich denke nicht, dass ein Teil II kommt.

V: Schade.

L: Schau, du wirst älter. Entweder entscheidest du dich dafür mit Rap Erfolg zu haben und vielleicht dein Geld zu verdienen oder mit Rap einem Hobby nachzugehen. Für mich war es Hobby, auch jetzt noch. Ich mache es wirklich nur als Hobby. Wenn du wirklich Geld verdienen möchtest mit Musik, dann musst du schon Züri West oder Polo Hofer heissen… Von mir aus auch Stress. Dann kannst du viele Konzerte spielen, hast Merchandising und vieles mehr. Wenn du als Rapper aus Bern West Erfolg haben möchtest, dann musst du durchstarten. Geld machst du mit Musik nicht. Ich habe mich für die Arbeit entschieden, für das sichere Geld.

V: Was hältst du davon, dass dein Sohn mal Rapper wird?

L: Wenn mein Sohn Rapper wird? Er ist schon Rapper (alle lachen). Ja, das ist unglaublich, er spielt Youtube-Videos ab und rappt mit. Es wäre cool, wieso nicht? Wenn meine Eltern nichts dagegen hatten … Ich müsste ihm aber erklären: «Kolleg, mach es als Hobby, mach es mit Freude, aber mach dir keine Hoffnungen». Eben, wir reden von der Schweiz, der Markt ist klein. Generell hatte niemand wirklich Erfolg mit Rap. Niemand startete bis jetzt durch. Stress startete erst durch, als er die kommerziellere Schiene fuhr. Seit diesem Durchbruch macht er auch keinen Rap mehr. Sein Sound ist radiotauglich, Grossmütter hören zu ... Das Gleiche mit Bligg, er war ein grober Rapper. Als ich angefangen habe zu rappen, war er viel gröber und hatte erst seinen Durchbruch, als er mit dem richtigen Rap aufgehört hatte und die kommerzielle Schiene gefahren ist. In der Schweiz sind wir noch nicht soweit, wie in Deutschland. Ein CH-Sido könnte hier nicht durchstarten.

V: Dachtest du schon mal daran, deine Biografie niederzuschreiben oder zu verfilmen?

L: Ehrlich gesagt nicht. Die ganze Musikphase war schon interessant, viele Ups and Downs. Also als «Baby Love Yaa» veröffentlicht wurde und das Album, da flyerte ich mal in in Wil SG und erblickte hinter mir eine grosse Menschengruppe, die mir nachlief. Es gibt schon viele coole und eindrückliche Erinnerungen, aber eine Biografie zu schreiben ... Ich denke das wäre ein bisschen übertrieben. So interessant wäre das auch nicht. Ich bin jemand aus dem Quartier, niemand anders. Ich bin hier aufgewachsen, ich koche auch mit Wasser.

Offene Jugendarbeit toj: Wie hast du als Jugendlicher Bern West erlebt und was hast du in deiner Freizeit gemacht?

L: Es war speziell. Als ich ein Jugendlicher war, hatte Bern West noch das gröbere Ghetto-Image als heute. Es passierte mehr Kriminelles und du hast auch viel mehr darüber gehört. Es war wirklich der Ghetto-Ecken von Bern. Es war eine viel wildere Szene damals. Wir waren auch voll im Film, ich sage es mal so. Aber die Freizeit? Wie ihr auch. Wir sind viel rumgehängt, haben viel Sport gemacht. Die Fussballplätze waren immer voll. Es war auch eine Zeit ohne Handy, die Social Media existierten nicht. Kein Youtube, kein Facebook, kein Instagram, kein Snapchat. Das hatten wir alle nicht. Wir haben uns anders beschäftigt. 35 Telefonnummern von den Kollegen hatten wir im Kopf. Wir haben auch viel Mist gemacht. Container angezündet, was du halt machst in diesem Alter (alle lachen).

OJA toj: Die Jugendlichen engagieren sich in Projekten und verbringen ihre Freizeit im Jugendtreff. Hast du als Jugendlicher Angebote der offenen Jugendarbeit genutzt?

L: Die Jugendtreffs gibt es schon lange. Wir waren öfters im Martello [Jugendtreff im Tscharni], in der Muschel, im Jugendtreff in der Nähe des Fitnesszentrums. Im Bethlehemacker gab es noch den Kobra-Jugendtreff, im Kleefeld den Speedy-Jugendtreff ... Wir chillten in diesen Jugendtreffs. Man konnte damals auch mit der Jugendarbeit nach Südfrankreich reisen. Aber es war damals nicht so, wie ihr es heute habt. Die Organisation war damals nicht so ausgereift wie heute. Damals hat man Jugendarbeiter_innen hingestellt und diese mussten sich mit den Jugendlichen zurechtfinden und fertig.

 

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Chillen und spielen im Jugendtreff Kobra in Bern West. Fotos aus den 00-er und 90-er Jahren.

 

OJA toj: Wie findest du, dass es die offene Jugendarbeit gibt? Dass es Leute gibt, die Ansprechpersonen sind für jugendspezifische Themen wie Sexualität, Gewalt, Schule, Beruf, Freundschaften, Eltern und vieles mehr?

L: Es macht Sinn. Wir sprechen hier von vielen, verschiedenen Kulturkreisen und in gewissen Kulturkreisen wird dir beispielsweise nichts über Sexualität vermittelt. Vielleicht erfährst du etwas vom Kollegen oder in der Schule gibt es Sexualkunde. Auch im albanischen Kulturkreis: wenn du einen gesprächigen Vater hast, dann erfährst du etwas, aber auch nur beschränkt. Aber du wirst nicht komplett aufgeklärt. Ihr macht das gut. Vor allem in Bern West ist die Jugendarbeit zwingend. Da gibt es nichts zu sagen. Ich weiss nicht inwiefern und wie vertieft ihr die Themen mit den Jugendlichen anschaut, aber die Themen, die jetzt aufgezählt wurden, die sind wichtig.

OJA toj: Du hast erwähnt, dass du selber aus dem Quartier bist. Du bist ähnlich aufgewachsen wie die Jugendlichen jetzt. Was möchtest du den Jugendlichen aus dem Quartier auf den Weg geben?

L: Das, was man macht, soll man mit Herz und Liebe machen. Wenn du etwas erzwingst, dann ergibt sich daraus kein gutes Resultat. Wenn du etwas wirklich mit Herzblut machst, dann wirst du sicher erfolgreich sein. Man soll auch an die eigenen Wünsche und Träume glauben und Träume realisieren ... Gerade in der Arbeitswelt. Hier ist es ist so, dass du mit Vorurteilen konfrontiert wirst, wenn du aus Bern West kommst. Es ist wirklich so. Man muss versuchen zu zeigen, dass man mehr ist als ein paar Attribute, die mit dem Quartier verbunden sind.

OJA toj: Somit sind wir am Ende unseres Interviews. Merci viu mau, hast du dir die Zeit dafür genommen.

*Die Interviewer: Shpend ist 15 Jahre alt und wohnt in Bern-Bethlehem. Er verbringt seine Freizeit gerne mit Kollegen im Quartier und engagiert sich oft im Jugendtreff Tscharni mit Handwerkstätigkeiten wie etwa Treff streichen.
Veton ist 17 und lebt auch in Bern-Bethlehem. Mit seinen Kollegen organisiert er Anlässe für Gleichaltrige und Leute aus dem Quartier.

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